L90 - das Büro der Baufrösche

Neubau eines Bürohauses

Ein modernes Bürohaus, das dennoch seine Abstammung von der alten Mühle nicht leugnet.

Eine Obstwiese in einer überstädterten alten Dorflage – an einem Bach. Wie stellt man ein modernes Bürohaus da hinein? Es war uns gleich klar, daß dieses Haus nicht mit dem „Gesicht“ zur Straße stehen konnte wie die anderen Bürgerhäuser. Es war ein Produktionsgebäude „wie eine Sägerei“ am Wasser, eine Mühle. Bald erzählte uns jemand, daß hier früher wirklich mal eine Wassermühle war. Wir setzten also die beiden Bürogeschosse auf einen Sandsteinsockel, der nur eine Öffnung hat: zum Wasser. Die Haustür, die in das Sockelgeschoss führt, ist architektonisch nicht als „Öffnung“ konzipiert. Sie ist außen aufgesetzt. Ganz konsequent stürmt denn auch mancher Eilbote an der Haustür vorbei und rennt die hintere Fluchttreppe hoch …

Zwei Bürogeschosse, aber doch ein großer Raum wie in einem Schiff

Es war natürlich wichtig, gut getrennte Arbeitsbereiche zu haben und die baurechtlich mögliche Fläche gut zu nutzen. Unsere beiden Bürogeschosse sind deshalb nur dadurch so stark verbunden, daß die Streben wie in einem Schiffsbug durch beide Decks gehen. Die offene Treppe (übrigens baurechtlich eine „nicht notwendige“ Treppe) stellt die direkte Verbindung zwischen den Arbeitsgeschossen her und ist gleichzeitig Bibliothek. Mit der blauen Wand aus zementgebundenen Holzwolleleichtbauplatten wird der Schallübergang gedämpft. Im Dachgeschoss sind die beiden Schiffe zu einem großen Raum miteinander verbunden, aber durch untergehängte Schalldämpfungsstreifen in der Mitte, (aus Zelluloseflocken gesprayt, hinter Stoff und Drahtgewebe) und das Treppenauge akustisch voneinander abgerückt. Die Dachform entstand unter anderem aus der im B-Plan festgelegten Höchst-Traufhöhe über Meeresspiegel (!), die traufseitig keine geschosshohe Wand mehr zuließ, und aus dem Bestreben, über schmale Sheds das licht von Norden möglichst gut auf die Zeichentische zu bringen. Dadurch entstanden dann die großen Schichtholzwanten.

Im massiven Sockelgeschoss sind neben dem Archiv und der Lüftungstechnik, die Toiletten, Eingang und Essraum mit Küche, der die große Öffnung zum Bach hat, untergebracht. Der Eingangsraum ist dunkel und steinern, nur über die aufgehende Sichtbetontreppe fällt etwas licht herein, sodaß die Bürogeschosse darüber umso heller wirken. Bei den Arbeitsplätzen im Dachgeschoss gibt es kleine Fensterluken, die einen Blick in die Bäume und auf die Straße ermöglichen.

Umweltfreundliche Konstruktion und Haustechnik

Niedrigenergiestandard bei der Dämmung, Brennwertheiztechnik und eine Hauslüftung mit Wärmerückgewinnung reduzieren den jährlichen Heizenergieverbrauch.
Das Gebäude ist als Niedrigenergiehaus geplant. Der k-Wert der einzelnen Bauteile beträgt im Mittel: für die Außenwände 0,25, die Fenster 1,50, das Dach 0,20, die Grundfläche 0,25 [W/m2’K]. Für die Toilettenspülung wird Regenwasser aus einer Zisterne unter dem Hof eingesetzt.
Die Lamberien sind eine Kombination aus Fußleistenheizung und Kabelkanal für die Stromversorgung und Kommunikationsleitungen.
Die Bürogeschosse sind in Holztafelbauweise vorgefertigt und wurden in kurzer Bauzeit auf das fertige Sockelgeschoss aufgesetzt. Die obere Treppe, die Bibliothekregale, die Lamberien, die Lüftungs- und Schalldämpfungskästen und der schwimmende Zementestrich mit Unoleumbelag wurden dann eingebaut. Die Sperrholzflächen innen sind mit einem Lasuranstrich aus schwach weiß pigmentiertem Acryl aufgehellt, die Giebelflächen mit Kreide-Leimfarbe gestrichen.

Typologie
Bürogebäude

Ort
Kassel

Fertigstellung
1993

Auftragsart
Direktauftrag

Leistungsumfang
Architektur
Lph. 1 – 9

Brutto-Rauminhalt
ca. 1.600 cum